Meine Honda XR650R und der Weg dahin !!!

   2. überarbeitete Version

Als Wiedereinsteiger in das Hobby "Motorradfahren" habe ich über den Umweg BMW, Kawasaki und KTM zu meiner jetzigen Honda XR650R gefunden. Aber alles der Reihe nach. Anfang 1998 konnte ich meine Frau davon überzeugen, daß neben dem Bobbycar und einem neuen Kinderfahrrad (mit Stützen) auch unbedingt wieder ein Motorrad für das "große Kind" in die Garage gehört. Nachdem ich nach ausdauernden Argumentationsschlachten endlich "grünes Licht" hatte, stand ich vor der Qual der Wahl für welchen Typ von Moped ich mich entscheiden sollte. Anfangs wollte ich mir allen ernstes eine Enfield India DIESEL kaufen und hätte der Händler bei meinem Besuch ein entsprechendes Motorrad auf Lager gehabt, ich würde jetzt mit 100%er Sicherheit und einer Höchstgeschwindigkeit von schwachen 80Km/h in der Gegend rumdieseln. Diesen Gedanken (Zweitmotorrad?) habe ich immer noch nicht ganz aufgegeben. So, also was kaufen?

Mal kurz in Erinnerungen schwelgen: Mein Mofa (Hercules G3) wurde obwohl denkbar ungeeignet sehr häufig durch die Pampa gescheucht. Meine erste 50er war dann eine "richtige" Enduro. Eine Fantic Caballero Competition. Mit dem (mehrfach) installierten 17 PS-Satz war ich damals meinen Freunden mit ihren Aspes, Garellis oder Van-Veen's deutlich überlegen. Man erinnert sich gerne. Etwa zur gleichen Zeit habe ich mit allem ersparten noch eine Moto-Cross Maschine erstanden. Eine spanische 370er Bultaco Pursang. Ging tierisch und kostete mich nebenbei auch noch ein paar Sozialstunden wegen Fahrens ohne Führerschein und ohne Betriebserlaubnis. War halt 'ne reine Moto-Cross Maschine.

Also, eine Enduro lag somit schon mal nahe und da ich kein geübter Schrauber bin wollte ich was zuverlässiges haben. Eine BMW zum Beispiel. Also schlau gemacht, Kleinanzeigen gelesen, eine angeguckt, probegefahren und gekauft. Ist ein wirklich tolles Motorrad mit superbem Fahrwerk und absolut tollem Motor. ABER, es ist halt nur optisch eine Enduro.

Das nächste Problem stand vor der Tür. Alle meine Freunde (wenn's Geld gereicht hat) waren im Harley-Fieber. Mit meiner BMW GS 1100 neben (oder über) den ganzen Harley's zu fahren war auch nicht so der Brüller. Erstens ist das mit den Harley's vorgelegte Reisetempo eine Beleidigung für eine gestandene BMW, zum anderen nervten die ewigen Zwischenstopps weil sich an einer der Harley's wieder mal ein Teil verabschiedete. Besonders die verchromten Tankabdeckungen verstanden sich scheinbar nicht besonders mit dem Rest der Maschine. Langer Rede kurzer Sinn: Ich kaufte mir auch einen Chopper. Eine Kawasaki VN 1500 Classic Tourer. Letztenendes aber war das auch nicht das wahre. Die Maschine war toll. Lies sich fahren wie ein Traktor, sah gut aus und an jeder Tankstelle interessierte sich jemand für die Maschine und quatschte mich voll. Aber die erhofften gemeinsamen Ausfahrten scheiterten meist daran, daß so gut wie immer eine der Harley's schwer in den Seilen hing und der Rest der der Harleyaner dem Havaristen zur Seite stand. Ein wirklich tolles Endergebnis, ich wollte 'ne Enduro und fahre 'nen Chopper.

Anfang 2000 erinnerte ich mich wieder daran was ich wirklich wollte. Endurofahren. Und auch ein bisschen Reisen. Da aber das Endurofahren bei weitem überwiegt kam nur ein Motorrad in Frage. Die neue KTM Adventure 640 R. Also ab zum Händler und das Teil bestellt. Der Händler hatte zwar ein Modell lagernd, aber ich wartete (endlose) 6 Wochen, da ich unbeding ein 2000er Baujahr wollte. Über dieses Motorrad kann ich nur gutes berichten. Das Fahrwerk, der Motor, das Finish. Alles vom feinsten. Der Motor sprang schon an, wenn man den Starterknopf nur streng anschaute und überzeugte in jeder Hinsicht. Aber als wir während unseres diesjährigen Stammtisch-Friaul-Tripps eine etwas härtere Gangart einschlugen wurde der (einzige) Nachteil der Adventure schnell offensichtlich. Das gute Teil ist für wirklich sportliches Endurofahren zu schwer und der Schwerpunkt durch den serienmäßigen 28l Tank auch zu weit oben. Wer an einem Tag ohne Ende fahrfertige 190 Kg wieder und wieder auf die Räder stellen muß kommt schnell an seinen physischen Ich-mag-nicht-mehr Bereich. Daß die meisten meiner Stammtisch-Kollegen mit leichten Enduros (Husqvarna, Honda-XR, KTM LC4 bzw. Supercompetition usw.) unterwegs waren, machte die Sache nicht einfacher. Bei der Heimfahrt von Friaul keimte bereits der Gedanke, mir auch was leichteres, sportlicheres zu kaufen. Da mein (empfehlenswerter) Händler nicht nur KTM sondern auch noch Honda-Händler ist machte ich bereits während eines KTM-Kundendienst mit der neuen XR650R bekanntschaft.

So, jetzt sind wir endlich bei der Honda XR650R !!!!!!!

Gegenüber meiner (für Enduroverhältnisse) riesigen Adventure wirkte die Honda fast zierlich und das Gesamtdesign der roten Enduro sprach mich sofort an. Im Gegensatz zu mancher (Fach)zeitschrift finde ich das Design wirklich gelungen und wunderschön. Der erste Eindruck war also schon mal positiv. Bei meinem nächsten (planmäßigen) Werkstattaufenthalt mit der Adventure stand wieder eine dieser roter Hondas in der Ausstellungshalle. Nagelneu ohne einen Meter auf dem Tacho. Mein Händler bot mir an (wo gibt's sowas noch) mal ein paar Meter mit der nigelnagelneuen Honda zu fahren. Also Helm aufgesetzt, Benzinhahn auf, Kickstarter raus, gekickt, gekickt, gekickt...., Helm wieder runter und mit hilfesuchender Miene den nächsten Mechaniker angepeilt. Der verstand meinen inneren Hilferuf und kickte die Honda mit einem einzigen gekonnten Tritt an. Blamabel, aber alles will gelernt sein. So aber jetzt, ersten Gang rein, raus aus dem Hof, Gas auf und die Gänge durchgeschaltet. Mein Grinsen unterm Helm wurde immer breiter. Die KTM ging schon verdammt gut, die XR setzt noch was drauf. Nächster Versuch: Zweiter Gang und Gas aufgedreht, das Vorderrad der Honda zeigt zum siebten Stock, jetzt die Gänge weiter hochschalten und die Kiste oben halten. Das ganze mit einem Motorrad, das ich nicht im geringsten kenne. Das Teil geht wie Sau und ist trotzdem kinderleicht zu fahren. Ich erinnerte mich, auf einer nagelneuen Maschine zu sitzen und stellte die Vollgasorgien sofort wieder ein. Beeindruckt war ich ja schon zur genüge. Wieder zurück beim Händler begann sofort der obligatorische Erfahrungsaustausch der letztenendes zur sofortigen Bestellung der Honda XR650R führte. Die Adventure nahm mein Händler in diesem Zug wieder zurück und die ganze Umtauschaktion ging ohne Aufpreis über die Bühne. Der absolute Wahnsinn! Vor allem wenn man bedenkt, daß mir der Händler auch noch angeboten hat, eine der noch verpackten XR's zu nehmen, da diese jetzt ja ein paar Kilometer auf dem Tacho hat. Welcher Händler rückt überhaupt mal eine XR für eine Probefahrt raus? Ein riesiges Extralob für diese Aktion. Und wie fährt sie nun, die neue rote?

Nach der von Honda vorgeschriebenen, sehr kurzen Einfahrzeit darf die XR nun endlich zeigen was sie kann. Ich möchte euch in Stichpunkten und kurzen Textpassagen das Motorrad vorstellen und den einen oder anderen Tipp dazu geben.

Motor:

Das feinste Teil an der Honda. Extrem wenig Vibrationen. Keine mechanischen Nebengeräusche. Zieht bereits aus dem Keller, hat eine unglaublich druckvolle Mitte und dreht auch problemlos weiter hoch. Ein Sahnestück. Nur das mit dem Kicken will gelernt sein. Springt bei kaltem Motor meist auf den ersten Kick, bei warmen Motor immer mit dem ersten Kick an. Wurde die Honda im Gelände hingelegt: Viel Spaß beim Kicken.

Tipp1: Ankicken mal ganz Grundsätzlich: Weiter oben habe ich schon mal kurz beschrieben, wie es mir beim ersten Ankickversuch ergangen ist. Mittlerweile habe ich die Maschine bestens abgestimmt und auch meine Technik soweit verbessert, dass die XR jetzt so gut wie IMMER beim ersten Versuch  losbrabbelt. Info: Das Motorrad ist ungedrosselt, die Verwendung des Auspuff-Endstücks (ob laut oder lause) spielt hier keine Rolle. Die Bedüsung habe ich von original 175 auf 165 runterkorrigiert. Läuft wirklich besser! Los geht's: Chokehebel ganz nach oben gezogen, die Gasstellung so etwa auf Halb- bis Dreiviertelgas. Mit Deko-Hebel den Kolben über den Widerstand gebracht und Kickstarter bis zum Anschlag durchtreten. Die XR läuft. Chokehebel zurück auf Mittelstellung oder gleich ganz raus. Klappt wirklich immer.

Tipp2: Wenn das Motorrad umgefallen ist: Zündung aus, Dekompressionshebel gezogen und mit Gasgriff auf Vollgasstellung zehnmal den Kickstarter durchgetreten. Geht leicht und wirkt. Kickstarter wie gewohnt bis zum Widerstand langsam durchtreten mit Deko-Hebel drübergehievt und Kickstarter runtergetreten. Die Honda läuft wieder zuverlässig.

Leistung:

Je nach Geschick des Händlers wird die Honda mit 17 bis 55 PS im Brief eingetragen. Die 61 Pferde der kpl. offenen (lauten) Version würde der TÜV-Prüfer nicht mal eintragen wenn er Dein Bruder wäre. Meine XR ist also auch bis auf das Auspuffendstück komplett offen und auch so eingetragen. Die Originalbedüsung harmoniert jedoch nur mit dem offenen Auspuffendstück. Wird die leisere, eintragungsfähige Version verwendet verschluckt sich der Motor beim Gasaufreißen aus untertourigen Drehzahlen gerne mal. Auch knallt es beim abrupten Gaswegnehmen ständig aus dem Auspuff. Das kann man aber mit einer einfach durchzuführenden Änderung der Bedüsung schnell ändern. Zum einen die im Lieferumfang enthaltene zweite Leerlaufdüse reinschrauben, zum anderen eine kleinere Hauptdüse verwenden. Standardmäßig ist eine 175er eingeschraubt. Getestet haben wir runter bis 145. Der schönste Motorlauf mit leisem Auspuff ist mit der 155er zu erreichen, leider geht mit dieser Düse die Endgeschwindkeit um gut 10 KM/h runter. Der beste Kompromiss ist die 165er Hauptdüse. Mit dieser Düse wird das Motorrad auch beim Einsatz der leisen Tüte nicht langsamer (160 Km/h mit leisem oder lautem Endstück). Der Druck aus unteren und mittleren Drehzalen ist in der (leider sehr) lauten Version aber nochmal deutlich besser. Ich bin zu "Testzwecken" immer wieder mal mit dem offenen Endstück unterwegs. Dann aber meist auf dem Hinterrad ;-)

Verarbeitung und Details:

Die Verarbeitung ist hondatypisch genial. ABER! Der Alurahmen ist silbergrau lackiert und zeigt über den Fußrasten bereits nach den ersten Kilometern das blanke Metall. Gleiches gilt für die Magnesium-Motordeckel. Der Funktion tut's keinen Abbruch, der Optik leider schon ein wenig. Bei den serienmäßigen Handprotektoren gilt das GGA-Prinzip. Gesehen-Gelacht-Abmontiert. Ich habe gar nicht bis zum ersten Umfaller gewartet und diese unnützen Teile sofort gegen taugliche Komponenten getauscht. Empfehlenswert sind hier die Acerbis-Protektoren mit eingearbeiteter Aluminiumschiene. Die sollten aber vor der Montage mittels Schraubstock noch in eine etwas besser passende Form gebracht werden. Hier sind die Holme der Federgabel etwas im Weg.

Fahrwerk:

Hier kann man streiten. Die Grundeinstellung der Gabel in Mittelstellung mit jeweils 11 von ca. 22 Klicks für Druck- und Zugstufe ist jedenfalls ein (den Honda Fahrwerk-Gurus auch bestens bekannter) Witz und macht die XR mit ihrem ohnehin sehr steilen Lenkwinkel extrem nervös. Zum reinen Endurofahren sollte der Rat eines Honda-Fahrwerksspezialisten befolgt werden der mir für die Druckstufe (obere Schraube) 8 Klicks und für die Zugstufe (untere Schraube) 0 Klicks (gar nix) vorgeschlagen hat. Hiermit nimmt man dem Fahrwerk einen guten Teil seiner Nervosität.

Diese Einstellung ist fast unabhängig vom Fahrergewicht ideal zum (auch sportlicheren) Endurowandern. (Nur die Federvorspannung des hinteren Zentralfederbeins sollte man bei einem Fahrergewicht deutlich über 80 KG entsprechend korrigieren, sprich um einige Umdrehungen weiter vorspannen)

Nach einer passenden Einstellung für die Moto-Cross Piste suche ich immer noch. Für diesen Einsatzzweck konnte uns der Honda-Fahrwerkler auch noch keine echten Tipps geben. Geht's recht sportlich über die Piste, dann schlägt die Fuhre bei hohen oder relativ weiten Sprüngen gerne mal durch. Dreht man die Gabel härter, läuft die Honda gierig jeder vorhandenen Spur nach und verlangt nach einer konditionsraubenden kräftigen Hand. Gewicht nach hinten und Gas aufreissen hilft meistens, aber halt nicht immer.

Nach ein paar Runden mit einer Husqvarna TE 610 sowie darauffolgend mit einer Yamaha WR 400 wollte ich die Honda ähnlich flott über den Kurs zirkeln. Mein besonderer Dank nach diesem Vorhaben gilt in erster Linie meinem Brustschutz, meinen Knie- und Ellbogenprotektoren und nicht zuletzt meinen erlesenen Flugkünsten. Es geht halt nicht. Man kann auch mit der neuen XR bei crossmäßigem Einsatz nicht mit den reinen Wettbewerbsenduros mithalten. Muß man auch nicht. Bei (auch sportlich gefahrenen) Enduroausflügen ist man aber gegenüber den "Sportlern" sicherlich nicht benachteiligt, bei Trialpassagen muß man sogar schon mal auf die anderen warten. Die XR fährt sich wieselflink und hat einen enorm weiten Lenkeinschlag.

Sonstiges:

Der serienmäßige Kunststoff-Motorschutz sollte vor allem bei überwiegendem Geländeeinsatz schnellstens gegen ein stabileres Alu-Anbauteil getauscht werden. Auch die mittlerweile angebotenen Rahmenprotektoren sollte man sich bzw. seiner XR gönnen. Beides bietet z.B. Mehlan aus Hamburg an. Gute Nachrichten kommen -zumindest tröpfchenweise- aus den USA. Für die dort extrem beliebte XR650R wird schon fast jede Woche ein neues Zubehörteil angekündigt. (Größere Tanks, rudimentäre Gepäcksysteme, verschiedene Tuning- und Anbauteile. Erfreulich ist die wirklich sehr gute Ersatzteilversorgung der Honda. Ich brauchte bisher bereits einen Scheinwerfereinsatz, eine Tachowelle, Rückspiegel, einen Magnesium-Seitendeckel, (fast immer selbst Schuld) und diverse Vergaserdüsen. Bisher mußte ich maximal zwei Tage auf die bestellten Sachen warten. Meine Kumpels mit ihren Sportlern sind teilweise schon zum Selbstbau übergegangen.

Mein persönliches Fazit:

Wer ein Motorrad sucht, nur um Enduropokale mit Highspeed-Rundenzeiten einzufahren, sollte sich eher nach einer KTM  EXC, einer Husaberg FE oder sonst irgendwo in der reinen Sportlerclique umsehen.

Wer aber auf eine gute alltagstauglichkeit nicht verzichten möchte. Wer trotzdem schnelle Enduroetappen fahren will. Wer ein sicherlich extrem zuverlässiges Spaßmobil sucht. Wer Wheelies liebt, und einen guten Teil seiner Fahrt auf dem Hinterrad absolvieren möchte. Wer nur hin und wieder mal auf der Moto-Cross-Strecke fährt. Wer auch mal mit dem Bike in Urlaub fahren will. Wer an einer Rallye teilnehmen will. Wer knifflige Endurotrails liebt. Wer, wie ich, die Optik der neuen XR für sehr gelungen hält. Wer auch manchmal problemlos ein paar schnelle Straßen- bzw. Autobahnkilometer unter die Räder nehmen will oder muß. Wer nicht bereit ist die kompromißlosen Eigenheiten einer reinen Sportenduro hinzunehmen. Und wer auf excellenten Wiederverkauf Wert legt, der ist mit dieser neuen Enduro sicherlich bestens bedient.

Euer XR-Treiber

Ulrich Limbrunner